Wir und die Krise

Wir sind in eine Krise hineingeraten.

Sie ist bedrohlich. Wir sind um unsere Gesundheit besorgt. In wirtschaftlicher Hinsicht fürchten manche ums Überleben. Unser soziales Leben ist heruntergefahren.

Wer in eine Krise hineingerät, der fragt sich: Warum ist das so gekommen? Er grübelt über den Sinn des Geschehens. Ein Mensch, der Gott vertraut, fragt sich in einer Krise: Gott, warum lässt du das zu?

Unterschiedliche Antwortversuche auf diese Fragen sind jetzt zu vernehmen: „Die Natur schlägt zurück.“ Oder: „Die Pandemie ist eine Strafe des Himmels.“

Im Stimmengewirr dieser Antworten sollen wir zuerst auf dieStimme hören, durch die die Hoffnung unseres Glaubens zu uns spricht. Es ist eine Stimme, die uns Mut macht, wenn Angst nach uns greift. Sie gibt uns Orientierung, wenn wir uns vorkommen, als würde uns dichter Nebel die Sicht nehmen. Sie ist eine Stimme des Friedens. 

Im 23. Psalm ist diese Stimme hell und klar zu hören. Wie unter einem Brennglas wird hier die Hoffnung unseres Glaubens zur Sprache gebracht. Gott ist wie ein guter Hirte, der uns Leben in Fülle geben möchte. Er hat nur Gutes mit uns im Sinn. Das finstere Tal wird nicht ausgeblendet. Es gehört zu unserem Leben hinzu. Es erinnert uns daran, dass unser Leben zerbrechlich und verletzlich ist. Wir leben nicht in einer heilen Welt. Den Weg, der durch das dunkle Tal führt, erspart uns Gott nicht. Er führt nicht an der Krise vorbei, sondern durch sie hindurch. Aber er ist bei uns auf diesem Weg. Er ist mittendrin in der Krise. Er ist kein Zuschauer, der aus sicherem Abstand die Not überblickt. „Denn du bist bei mir, darum fürchte ich kein Unglück.“

Auch in der Coronakrise spricht diese Stimme zu uns. GottesVersprechen, dass er bei uns ist im finsteren Tal, gilt ohnewenn und aber. Diesem Versprechen können wir uns anvertrauen. Wir können aufatmen. Wir gewinnen festen Stand. 

Von hier aus können wir uns nun selbstkritisch fragen, ob uns an dieser Krise etwas deutlich werden soll. Eine Krise ist immer auch eine Chance, denn sie fordert von uns eine Entscheidung in welche Richtung unsere Zukunft führen soll.

Ich verstehe diese Krise auch als einen Weckruf des guten Hirten.

Auf den 23. folgt der 24. Psalm. Und er beginnt mit den Worten: „Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist, der Erdkreis und die darauf wohnen.“

Ein kleines Virus öffnet uns die Augen dafür, dass nicht wir die Herren der Erde sind. In unserer Gesellschaft haben sich Strukturen ausgebildet, die unsere Erde und was darinnen ist,ausbeuten. Wir selbst befestigen diese Strukturen oft genug durch unser Verhalten. Wir degradieren die Erde immer wieder zu einem Gegenstand über den wir nach Belieben verfügen könnten. Wissenschaftler sprechen inzwischen vom Anthropozän. Ein neues erdgeschichtliches Zeitalter hat begonnen. Die Menschheit ist zu einer Natur verändernden Kraft geworden. Wie ein Meteoriteneinschlag oder ein mächtiger Vulkanausbruch das Klima verändern und zu einem Artensterben führen kann, so ist die Menschheit zu einer zerstörenden Kraft geworden für den Erdkreis und für das Leben, das ihn bewohnt. Wir Menschen sind im Begriff Krisen heraufzuführen, die wohl unvorstellbar größer sein werden als die gegenwärtige. 

Die Coronakrise kann uns wachrütteln und uns aufzeigen, dass wir Menschen nicht die Herren der Erde sind. Und sie macht uns deutlich, dass wir Verantwortung haben für das Leben. 

Durch ein entschiedenes Ergreifen dieser Verantwortung in unserem Land am Beginn der Pandemie ist größeres Unheil verhindert worden. Wir haben miteinander Solidarität gelebt und so Leben geschützt. Für die schleichenden ökologischen Krisen, in die wir immer mehr hineinsteuern, sollten wir diese Verantwortung ebenso ergreifen. Wir gehören zusammen, wir sind aufeinander angewiesen. Das Leben auf dieser Erde ist miteinander in einer Solidaritätsgemeinschaft verbunden. 

Es nützt letztlich nichts, wenn wir alleine für uns selbst sorgen. Der Schaden eines andern gefährdet uns alle. Jede Neuinfektion birgt in sich das Risiko einer weiteren Ausbreitung. Jeder Hamsterkauf führt zur Verknappung von Lebensmitteln. Genauso wie jeder Flug und jedes Sprit fressende Auto den Klimaschutz anderer zunichte macht.

Durch den erzwungenen Stillstand unseres Lebens haben wir neu sehen gelernt. 

Entschleunigung hat manche*r als eine Bereicherung erlebt. Der Rückzug des Menschen hat die Natur aufatmen lassen. Wer hat nicht den Flugzeug freien Himmel genossen? Und wir wissen es jetzt: Systemrelevant sind nicht die großen Banken sondern Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten und dieKassierer*innen im Supermarkt. 

Ich verstehe die aktuelle Krise als einen Weckruf zur Umkehr des Einzelnen und unserer Gesellschaft, damit wir den Platz einnehmen können, den uns der Herr dieser Erde gegeben hat. Wie er ein Liebhaber des Lebens ist, so sollen wir es auch sein. Wie er sich mit uns solidarisch erweist, wie es der 23. Psalm sagt und wie es in Jesus Christus ganz konkret geworden ist, so sollen wir für die Solidarität des Lebens auf dieser Erde eintreten. Wie er diese Erde und das Leben auf ihr erhält und bewahrt so sollen auch wir es bewahren und erhalten. 

Hans-Ulrich Läpple

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