Von Hamstern und Schafen

Sind sie auch vor leeren Regalen im Supermarkt gestanden? Wo sich sonst Nudeln, Mehl, Hefe, Toilettenpapier türmten, war gähnende Leere. Man war genötigt mehrere Läden abzuklappern, um das Lebensnotwendige kaufen zu können. Und selbst das hat nicht immer zum Erfolg geführt. Wer hätte das gedacht, dass wir einmal um Lebensmittel bangen müssen? Wir, die wir in einem Land des Überflusses leben und seither mit Lebensmitteln eher verschwenderisch umgegangen sind.

Zum Mangel ist es offensichtlich gekommen, weil viele Vorsorge treffen wollten für die Zeit der Krise. In dem Maße wie die Ladenregal leer gekauft wurden, füllten sich die Vorratsschränke in den Häusern.

Als zu anfangs der Krise noch nicht abzusehen war, was daraus werden würde, wer stellte sich da nicht Fragen wie etwa die Folgenden: Wie komme ich am besten durch diese Krisenzeiten? Reichen mir die Vorräte, die ich habe?  Sollte ich nicht Vorsorge tragen, falls es schlimmer kommt als befürchtet? Gedanken werden zur Sorge, zur Sorge um sich selbst. Und solche Sorgen verleiten uns dazu andere aus dem Blick zu verlieren, weil wir um uns selbst kreisen und fürchten zu kurz zu kommen.

Zwei Mal hat es in jener Zeit, als die Ladenregale leer gekauft waren, an unserer Haustüre geklingelt. Freunde haben uns Lebensmittel vorbeigebracht, weil sie wussten, dass es bei uns knapp wurde. Eine schöne und berührende Erfahrung: Freunde zu haben, die an uns dachten und unserm Mangel abhalfen.

Im Markusevangelium im sechsten Kapitel wir auch eine Geschichte erzählt, in der es am Lebensnotwendigen fehlt. Die Freunde Jesu sehen die Notlage heraufziehen. Wie sollten so viele hungrige Menschen satt werden? Sie suchen nach Möglichkeiten den Mangel abzuwenden. Sie schlagen Jesus vor, er solle die Menschenmenge in die umliegenden Dörfern schicken, damit sie sich dort Brot kaufen könnte. Doch Jesus konfrontiert seine Freunde mit einer scheinbar abstrusen Forderung: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ „Ja – um Himmels Willen –  womit denn?“ kann man auf diese Forderung nur antworten. Doch Jesus insistiert weiter und fragt sie: Wie viele Brote habt ihr? Als sie alles zusammenlegen, was sie haben, ist es wenig. Kaum genug für sie selbst.

Doch dann fangen die Freunde Jesu an das Wenige, das sie haben, mit den hungrigen Menschen zu teilen. Ihre Furcht, sie könnten zu kurz kommen und selbst leer ausgehen, überwinden sie, indem Sie Jesu Forderung nachkommen und das teilen, was sie haben. Und jetzt geschieht das Wunderbare. Es ist genug für alle da. Alle werden satt. Das Wunderbare ist, dass Menschen es wagen, das was sie haben, mit anderen zu teilen. Hier in dieser Situation ist es Menschen gelungen, von der Sorge um sich selbst wegblicken zu können. Anstatt für sich zu sorgen, haben sie sich um die anderen gesorgt. Anstatt fest zu halten, ließen diese Menschen los, anstatt zu hamstern haben sie miteinander geteilt. Am Ende wurden alle satt. Keiner kam zu kurz.  

Diese Geschichte klingt wie ein Märchen, eine Utopie, ein schöner Traum. Und doch öffnet sie uns eine Tür und lädt uns ein, einzutreten in eine Welt, in der es nach Gottes Willen zugeht. Hier kommt niemand zu kurz. Hier sorgt man sich zuerst um den anderen. Hier wird geteilt. Hier werden alle satt.  Es ist eine Welt, in der es anders zugeht, als in der Welt, die uns so vertraut ist.

Es gehört wohl auch ein bisschen Mut dazu, sich auf diese neue Welt und die dort geltenden Spielregeln einzulassen. Und dieser Mut wird immer wieder von neuem von uns gefordert. Diese Geschichte von der Speisung der 5000 ist ja ein Locken und Werben um uns, diesen Mut aufzubringen. Sie ist voll gespickt mit Anspielungen auf Psalm 23. Sie lädt uns ein, sich dem guten Hirten anzuvertrauen, der seine Schafe nicht im Mangel lässt sondern den Überfluss geben will.

Jesus lässt die Menschen auf dem grünen Gras lagern: „Er weidet mich auf einer grünen Aue“. Den Hunger und Mangel, den die Menschen leiden, sieht Jesus: „und ob ich schon wanderte im finsteren Tal, fürchte ich kein Unglück, denn du bist bei mir.“ Schließlich werden die Menschen alle satt: „Du bereites mir einen Tisch und schenkest mir voll ein.“ Und am Schluss ist Überfluss vorhanden. „Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang.“

Es ist eine wunderbare Geschichte, die da in Markus 6 erzählt wird. Sie will mich ermutigen, mich dem guten Hirten anzuvertrauen. Zugleich fordert sie mich heraus, dass ich meiner Sorge um mich selbst misstrauen und meiner Furch zu kurz zu kommen, keinen Raum gewähren soll. Nicht das Hamstern sondern das Teilen zu wagen, ist ein Verhalten das unserem guten Hirten entspricht.

Hans-Ulrich Läpple

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